03 August 2009

Whoa!

Das ist beim Westernreiten das Kommando das man dem Pferd gibt, wenn es stehen bleiben soll. Ich hab gestern Abend ganz oft "whoa" zu Brownie gesagt.

Als wir nach dem Abendessen zum Stall kamen war es nämlich noch so heiß, dass man schon beim einfachen Rumstehen ins Schwitzen kam, erst recht natürlich in langen Jeans und Stiefeln. Wir waren nur eine Viertelstunde oder so früher dran als sonst, aber das ist wohl die kritische Zeit, in der die Sonne sinkt, an Kraft verliert und man die Sonnenbrille absetzen kann. Viel zu heiß jedenfalls, um irgendwelche schnellen und anstrengenden Sachen zu üben. Und da ich nicht mehr alleine ausreiten will - auch dann bin ich ein "bisschen" schisserig geworden, wenn man bedenkt, dass ich 140 Tage lang meist ganz alleine quer durch Europa geritten bin - habe ich beschlossen, aus der Not eine Tugend zu machen.

Statt einfach nur im Schritt meine Kreise um die Reitbahn zu ziehen, was ja doch auf die Dauer "etwas" langweilig gewesen wäre, habe ich mich der wichtigsten Grundlage des Western Pleasure zugewendet und Anhalten und Stillstehen geübt. Das mag jetzt schon ein bisschen popelig klingen, aber für mich, und damit für beide Pferde, die ich bisher hatte, ist das eine nicht ganz einfache Übung. Da zeigt sich wieder meine Ungeduld, die sich dann natürlich auf das Tier überträgt. Brownie war schon beim Kauf besser erzogen als mein deutsches Pferd Poldi, den wir ganz jung bekommen haben. Aber er ist auch sehr intelligent und denkt sich immer neue Tricks aus. Diese Intelligenz macht es aber auch zum Vergnügen ihn zu reiten, denn er lernt schnell und merkt auch sehr bald, wenn er mit seinen Tricks nicht weiter kommt.

Am Anfang ging alles noch ganz einfach, zu einfach und ohne irgendwelche Probleme. Stehenbleiben vor Stangen auf dem Boden, mit einer Stange auf dem Boden unter dem Bauch - was für Pferde oft unheimlich ist - ein paar Schritte gehen und dann gleich wieder vor der nächsten Stange anhalten und stehen bleiben, alles kein Problem. Vielleicht hier und da mal ein winziges Schrittchen nach vorne, hinten, rechts oder links. Doch auch das sollte beim Turnier möglichst nicht vorkommen, gibt alles Punktabzug. Also noch mal von vorne.

Anhalten aus dem langsamen Trab, Antraben aus dem Stand, Stehenbleiben. All das kann Brownie, aber es muss doch nun mehr forciert werden, damit er es nicht vergisst. Dabei ist das Problem weniger das Anhalten selber, sondern das Stehenbleiben. Also habe ich bei jedem Stehenbleiben bis 10 gezählt bevor es wieder weiter ging.

Schließlich kam dann die Übung, an der wir eine Weile arbeiten mussten, bis es klappte. Aus irgendeinem Grund wird mein liebes Pferdchen nervös, wenn er direkt neben einer orangefarbenen Pylone (Verkehrshütchen) anhalten und stehen bleiben soll. Vielleicht, weil dies in letzter Zeit mit relativ schwierigen Übungen wie Slalom rückwärts oder einer Wendung um die Hinterhand verbunden war. Jedenfalls wollte er einfach nicht stillstehen. Nun weiß er aber auch genau, dass weiterlaufen sofort und ganz einfach unterbunden werden kann. Schwieriger wird es für mich, wenn er stattdessen anfängt nach seitwärts oder rückwärts auszuweichen. Was tu ich da? Ganz klar: Geduld und Ruhe. Zappeln lassen wenn ich es nicht verhindern kann ohne mich davon beeindrucken zu lassen und selber hektisch zu werden, ihn wieder auf den Anfangsplatz neben dem Hütchen zurückbringen, anhalten, still stehen. So lange, bis er 10 Sekunden steht, und dann das Ganze wiederholen. Eine Runde reiten, neben der Pylone anhalten, zappeln lassen, immer wieder neu versuchen. Beim Reiten muss man sturer sein als sein Pferd bis es merkt, dass ihm das Gezappel nichts bringt.

Und tatsächlich: Nach einigen Wiederholungen wird das Anfangsgezappel weniger, nur noch ein paar Schrittchen in die falsche Richtung bevor er sich entschließt ruhig zu stehen. Damit gebe ich mich nicht zufrieden, ich will dass er anhält und sofort still steht. Also noch ein paar Mal die ganze Prozedur. Jedes Stillstehen ausgiebig loben und als es endlich klappt, er genau an der gewünschten Stelle anhält und so lange still steht bis ich das Kommando zum Weitergehen gebe, wird mein braves Pferdchen wie wild gestreichelt und gelobt, noch fünf Minuten Abkühlen und Entspannen im Schritt, fertig für heute. "Gut gemacht, Brownie!"

Wenn wir dieses so einfache Manöver erstmal richtig beherrschen und er aus jeder Situation heraus überall auf Kommando sofort anhält und still steht, gibt uns das für schwierigere Aufgaben Bedenkzeit für den nächsten Schritt, die Möglichkeit, Fehlschritte sofort zu korrigieren oder sogar zu vermeiden und alles Hektische, das die Richter gar nicht gerne sehen, von vorneherein auszuschalten. Auch wenn das Training wirklich sehr grundlegend und für viele sicher zu einfach war, für uns war es ein sehr wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Dass ich selber ruhig geblieben bin als mein Pferd gezappelt hat, darauf bin ich besonders stolz. Ich glaube, wir sind auf dem richtigen Weg, auch wenn wir noch viel zu lernen haben. Ich freu mich jedenfalls schon auf unsere erste Pleasure Show am 5. September! Hoffentlich kann ich auch da meine Nervosität unter Kontrolle bekommen...

Am Schluss wollte Jon auch noch mal eine Runde reiten.

3 Kommentare:

Marcus hat gesagt…

Whoa! Gut gemacht Brownie! ;)

Das ist ein schönes Thema, Kerstin! Ich mag Pferde, wenngleich ich noch nie auf einem saß. Ein Freund von mir züchtet Pferde und reitet auch Turniere - eine spannende Sache.

Obwohl sie mir immer Respekt einflößen - Dein Brownie sieht wirklich schön aus - so stolz.

Für Deine Pleasure Show drücke ich Dir jetzt schon mal die Daumen! :)

Pienznaeschen hat gesagt…

Klingt aufregend und doch auch ziemlich anstrengend ... wenn er gar nicht wollte, also gar nicht still stehen wollte dann könntest Du als Reiter dies auch nicht wirklich erzwingen, oder? Worauf ich hinaus will ist das es nur den Weg mit Geduld und Ruhe gibt - oder? Dann gratuliere ich Euch beiden mal und bin gespannt was noch kommen wird ...

Kerstin hat gesagt…

Marcus, danke fuers Daumendruecken! Man muss ja nicht reiten um Pferde zu moegen...

Julia, es kann anstrengend sein, aber das Ziel beim Westernreiten ist es, alle Anstrengung zu vermeiden und es fuer den Reiter so einfach wie moeglich zu machen. Ohne Geduld und Ruhe geht im Prinzip gar nichts in Sachen Stillstehen. Da muss der Reiter einfach den dickeren Kopf haben.