Der folgende Text stammt aus meinem Reise-Tagebuch vom dritten Tag meiner Radtour von Jacksonville nach Charleston
Von Blackshear nach Statesboro sind es mit dem Rennrad 88 Meilen über Landstraßen, durch Wälder und Felder, Farmland. Ein paar Weiden mit Kühen und Eseln, ein paar Pferde. Bauernhäuser in jedem erdenklichen Zustand des Verfalls, aber auch brandneu. Es ist eine einsame Gegend, der tiefe Süden Georgias, aber schön. Nicht spektakulär, sondern beruhigend unexotisch. Wellig bis hügelig, heute unter bedecktem Himmel, ab und zu Kornfelder. Beim ersten Weizenfeld, das ich nach langer Zeit gesehen habe, musste ich anhalten. Erinnerungen an Wanderritte, an Europa, an Deutschland. Ich muss immer noch unterwegs sein. Es hat sich soviel nicht geändert.
Heute ist es nicht kalt und nicht warm, gerade richtig zum Radfahren und den größten Teil des Tages bleibt es trocken. Der Wind macht mir immer noch zu schaffen, aber ich spüre, wie ich ganz langsam in den Rhytmus der Reise gelange. Die Stunden auf dem Rad vergehen anders, ich zähle nicht mehr jede Minute. Das Bedürfnis ständig aufs GPS zu schauen lässt nach. Vielleicht ist es wirklich die Erinnerung an alte Zeiten, dass die Landschaft so ähnlich ist und so ruhig. Ich werde selber ruhiger, nehme es immer mehr wie es kommt, finde mich immer mehr damit ab, dass ich langsam fahre. Bergab lasse ich mich meist einfach rollen, um Energie zu sparen. Es ist weit bis nach Statesboro. Doch ich will es schaffen. Teile mir meine Kräfte ein.
Das Unterwegssein ohne motorisierte Hilfsmittel war schon immer meine liebste Art zu reisen, weil ich dann unmittelbarer in der Welt bin. Ich brauche dann kein Sightseeing, keine Sehenswürdigkeiten oder Touristenattraktionen. Alles ist würdig, gesehen zu werden. Alles was ich brauche ist die Straße, gut und glatt asphaltiert, und ab und zu ein kleines Bauernkaff mit einer Tankstelle, wo ich mir etwas zu essen und trinken kaufen kann.
Überhaupt, diese Dörfer, die auf meinem Weg liegen! Keine tausend Einwohner, aber mindestens zehn Kirchen, dazu eine Schule und eine oder zwei Tankstellen, die auch als Restaurant dienen. Zum Mittagessen gibt es Schweinekotelett (Pork Chop) mit einer Art Gemüse-Hähnchenauflauf (Chicken Pot Pie) und einer Art Pfirsichauflauf (Peach Cobbler), serviert in einer Styroporschachtel. Nach einigem Suchen finde ich auch eine in Plastik eingeschweißte Plastikgabel. Hatte ich erwähnt, dass ich in einem der Südstaaten bin?
Bei der Ländlichkeit fühle ichmich jederzeit sicher als alleinreisende weiße Frau. Die Leute sind höflich und freundlich, auch wenn sie nicht an Fremde gewöhnt sind. In Florida wird mein deutscher Akzent meist als vollkommen selbstverständlich hingenommen. Dort an der Küste sind Touristen und Snowbirds aus aller Herren Länder an der Tagesordnung. Hier jedoch werde ich immer wieder gefragt, woher ich komme. Natürlich wollen manche auch über meine Radtour Bescheid wissen und ich ernte überall Erstaunen und Bewunderung. Das ist schon schön.
Heute ist auch endlich der Punkt gekommen, an dem ich mit Liedern die Zeit vergehen lassen kann. Ich merke, dass ich längst nicht mehr so viele auswendig weiß wie zu Wanderreiterzeiten, in denen sich Poldi meinen Gesang anhören musste, aber manche vergesse ich nie. Da ich ohne "Knopf im Ohr" unterwegs und sonst viele Stunden nur mit meinen eigenen Gedanken beschäftigt bin, hilft Singen manchmal, mich ein bisschen abzulenken.
Das letzte Stück nach Statesboro führt über eine Hauptstraße. Schon meilenweit vor dem Ziel kündigen riesige Werbetafeln die Hotels und Restaurants der Stadt an. Das spornt mich an, der Wind lässt nach und ich fahre schneller. Ich will nur noch ankommen. Nach sieben Stunden im Sattel tut mir alles weh und ich bin müde, doch dann ist es geschafft. Ich bekomme ein günstiges Hotelzimmer und rufe Jon an, damit er sich keine Sorgen macht. Ich bin angekommen.
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20 Mai 2009
Atlantic Coast Bike Ride Blackshear - Statesboro
Eingestellt von
Kerstin
um
04:46
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4 Kommentare:
Hallo Kerstin, deine Tour hört sich einfach super an und etwas beneide ich darum. Aber eben nur etwas, denn für sowas bin ich einfach zu untrainiert ;) Ich bin schon ganz gespannt auf die Fortsetzung des "Romans"
Ja, ja, jetzt lese ich es, du bist ganz alleine und genießt die Bewegung, die Menschen, die Gegend - einfach alles, indem du dich selbst bewegst und nicht bewegen lässt, entspricht auch meiner Art, vorwärts zu gehen !
Gut gemacht, muss man sich als alleinstehende Frau nicht Gedanken machen, von irgendwelchen Hirnlosen angebaggert oder noch mehr zu werden ?
Ich lese und staune ... bin irgendwie "neidisch" auf Deine tollen Erlebnisse und muss unweigerlich daran denken das hier die Felder gerade ganz satt grün sind ... und nun werde ich Deinen nächsten Tag "nacherleben" ;)
Simone, untrainiert ist nur eine Ausrede. Man muss ja keine 100km am Tag fahren oder Geschwindigkeitsrekorde aufstellen. Einfach los, der Rest kommt von selbst!
Margitta, angebaggert werden kann ich ueberall, egal ob ich 5 oder 500 km von zu Hause entfernt bin. Wenn ich mir deswegen Sorgen machen wollte, duerfte ich ja gar nicht mehr das Haus verlassen.
Pienznaeschen, kein Neid, sondern nachmachen!
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